Samstag, 7. Januar 2017

Winter. Wüstenblume

Schwieriges Thema, denn eigentlich haben Pflanzen und ich so ein komisches Verhältnis. Was heißt komisch, sie sterben in meiner Nähe. Als ich in einem Millionen Lichtjahre weit entferntem Leben noch eine kleine Bänkerin war, gab es regelmäßig von mütterlichen Kollegen Topfpflanzen geschenkt. Erst wunderschöne, dann pfegeleichte. Alle sind dann entweder an Ort und Stelle oder langsam zu Hause gestorben. Bisher hat es nur mein Hibiskus mit mir ausgehalten. Meine Eltern haben mir einen Ableger gezogen und ich vermute, dass meine unglaubliche Liebe zu ihm, die konsequente Vernachlässigung wohl irgendwie kompensiert.

Es schien mir dennoch eine waghalsige Idee mir eine Pflanze zu kaufen um die Aufgabe zu erfüllen. Trotzdem stand für mich fest, dass ich es wage! An einem kalten Dienstag habe ich mich aufgemacht und bin mit dem Bus bis zum Eastgate Einkaufzentrum gefahren. Hier hoffte ich einen, meinen kleinen Kaktus zu kaufen. Dort angekommen breitete sich allerdings erstmal Ernüchterung aus. Trotz der zwei Blumenläden war die Auswahl begrenzt und irgendwie hatte ich auch kein ergriffenes Gefühl und auch nicht den Eindruck meiner Mission gerecht zu werden. Plan B musste her und ich erinnerte mich, dass eigentlich nicht weit entfernt irgendwo die Straße runter ein Hornbach Baumarkt sein müsste.  Eigentlich gibt es wirklich nicht und in der Nähe ist ein viel, viel zu kurzes Wort.

Mir war egal, dass es wirklich aus Strömen gegossen hat und, dass ich und mein Orientierungssinn eigentlich kein geeignetes Duo sind, um einen kleinen Kaktus aus dem Hornbach irgendwo da hinten zu finden geschweige denn zu befreien.

Meine Zuversicht und eine verklärte Erinnerung von Fahrten als Beifahrer mit dem Auto (Route: Zu hause - am Baumarkt vorbei - Kino aka Einkaufszentrum aka mein aktueller Standort -> geht doch schnell) ließen mich dann trotz Regen leicht euphorisch werden. Regen war jedoch in dem Fall auch ein viel zu kleines oder gemütliches Wort.

Innerhalb von 15 Minuten fühlten sich meine kleinen, ehemals warmen Fellstiefelchen an, wie ein kalter, feuchter Schuh aus Moos. Und wenn der Regen nicht so laut gewesen wäre, hätte man hören können wie es vor lauter Regenwasser in meinen Schuhe unangenehm quietschte. Eine anstrengende Mischung aus Wind und Regen umgaben mich, als ich an der Schnellstraße entlang immer weiter entlang lief und mich fühlte wie auf dem Weg zur Adoptionsbehörde: Bald würde ich zuverlässiger Ernährer und Erziehungsberechtigter für gleich zwei Pflanzen sein können. Mega!
Nach ungefähr 25 Minuten durch den Regensturm mit quietschenden, nassen Füßen und einem warmen Herzen erreicht ich dann endlich den ersehnten Baumarkt...dachte ich zumindest. Der Baumarkt war in Wirklichkeit Poco Domäne und nicht Hornbach und auch nicht da wo ich hinwollte. In meiner Erinnerung, die scheinbar nichts, aber auch gar nichts wert ist, stehen die beiden Geschäfte nebeneinander. Neben Ihnen, sagte meine Erinnerung, steht auch noch ein Mediamarkt.

Da es keine Nachrichten über ein Erdbeben gab, dass einen Mediamarkt und einen Hornbach in Marzahn verschlungen hat, bliebt nur eine kalte, tropfende Wahrheit: ich bin noch nicht da.
Und, dass zu Fuß gehen länger dauert als mit dem Auto zu fahren. Verrückte Erkenntnis.
Aufgeben hätte nichts gebracht. Irgendwo da vorne musste mein Ziel sein und irgendwie musste ich da auch lang, wenn ich jemals wieder nach Hause ins Warme wollte.
Das Moosgefühl wurde stärker in den Füßen. Die Tropfen dicker. Ich stopfte also meine Angst, in die falsche Richtung zu laufen, einfach ganz weit nach hinten und hielt mich an meine Mission.

Nach weiteren 25 Minuten gelangt ich fast an den Punkt, an dem mein Grad der Verwirrung wirklich seinen Höhepunkt erreicht. Wie kann es der richtige Weg sein, wenn ich nichts wiedererkenne, die Richtung nicht stimmt und das alles keinen Spaß macht?
Doch dann war er da und ich muss sagen, ich war noch nie so glücklich einen Baumarkt zu sehen. Ich sah ihn und war erleichtert nicht in einer Geschichte von Haruki Murakami gefangen zu sein.

Als sich die Automatiktüren öffneten und ich zielgerichtet auf die Pflanzenabteilung zu steuerte, spürte ich, dass ich jetzt ganz nah dran war. An meinem Ziel, an meinem Kaktus. Was für eine Ironie vollkommen durchnässt und tropfend vor einem Regal Kakteen zu stehen, um eine Wüstenblume zu kaufen. Doch so war es. Es gab auch hier nur eine kleine Auswahl und ich war etwas zögerlich. Irgendwie sahen die nicht so stachelig aus wie ich mir das gewünscht habe. Und die Farbe passte auch nicht so richtig. Nach zwei wunderlichen Momente bahnte sich die Erkenntniss: Das sind keine echten Pflanzen. Das ist einfach nur Plastik und tot.
Manchmal ist es egal wie weit der Weg war und egal wie sehr man sich anstrengt oder weitermacht, weil man nicht aufgeben will. Manchmal gibt es einfach kein Ziel. Nicht immer warten ein Happy und End, nur weil wir uns Mühe geben und alles versuchen. Manchmal ist das Ziel einer Reise eine Enttäuschung und es gibt nichts, dass wir tun können. Höchstens vielleicht eine kleine Sache. Sich umdrehen! Manchmal findet man dann nämlich doch noch den echten Kaktusstand und kann einen kleinen, neuen Freund mit nach Hause nehmen. Ich hab mich ziemlich reingesteigert als ich so vor den ganzen kleinen, grünen Freunden stand.
Die Entscheidung fiel leicht und so zogen wir glücklich und zufrieden unterm Regenschirm nach Hause. Das war dann wirklich nicht mehr weit.

5 Tage später und der Kaktus lebt noch :-) und ich bin immer noch ganz glücklich, dass sich die Expedition gelohnt hat.

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