Sonntag, 24. April 2016

13 - Naturschauspiel


Ohne Feststecken, Anhalten, Luft anhalten und abwarten ist es keine gute Expedition. Und so wie andere im Eis stecken bleiben und monatelang darauf warten den Nordpol ein wenig später erkunden zu können, bin ich ein wenig im Winter/Frühling hängen geblieben. Zu beschäftigt mir mir, um weiter zu machen. Zu eingenommen vom Drumherum, um auch noch nach dem Bambi zu suchen. Ist das schon scheitern? Sollte meine Reise mich nicht von all dem wegführen, was mir der Wind des Alltags um die Nase weht? Aber da ja bekanntlich das Scheitern nicht das Problem ist, sondern das Aufgeben, klopfe ich mir jetzt den Winter von den der Jacke und mache mich auf, um ein Naturschauspiel zu sein. LOS!

Denn manchmal weht es einen den nächsten Schritt einfach vor die Füße. Und aufeinmal sieht man wieder klar, wo man ist, was man tut und was eigentlich alles bedeutet.

Samstag früh und mit einer gefährlichen Mischung aus müde und Allergietabletten tapse ich Richtung Kleiderschrank, um ein Kleid in der Farbe Melone in eine Ikea Plastiktüte zu stopfen. Das Kleid ist kein gewöhnliches Kleid. Doch selbst ohne Zauberkräfte wird es zu einem magischen großen Ganzen gehören. Ich bin nämlich Brautjungfer bei meiner liebsten Freundin Jana. Ich bin eine von 5 Brautjungfern, die an einem ganz besonderem Tag im Juni irgendwo in der Toskana eine wichtige Aufgabe haben. Wie es die alte Prophezeiung vorhersagt, werden wir die bösen Geistern verwirren und so die bezaubernde Braut beschützen. Ok, nennen wir die Prophezeiung mal Wikipedia und OH MEIN GOTT WARUM HAT MIR VORHER KEINER GESAGT WIE GEFÄHRLICH DAS BRAUTJUNGERN LEBEN IST? Damit die bösen Geistern auch die kleinsten Brautjungfern unter all den Lagen Stoff erkennen können, machten sich Brautjungfer Antje und Brautjungfer Diana an diesem müden, kalten und "Netflix" schreienden Samstagmittag auf dem Weg zum magischen Schneider. Ein bisschen naiv/hoffnungsvoll sind wir Richtung Kreuzberg gedüst. Zwei Kleider und die große Hoffnung im Gepäck, dass die diversen türkischen Brautausstatter nur auf uns gewartet haben. Auf uns, die zwei Kleider in  Größe 38 aus dem fernen Osten mitbringen, die der Schneider aus dem nahen Osten im Westen von Berlin so anpassen will, dass es eine 36 ist und unten einen Meter kürzer. Der Plan war ein bisschen weit weg von der Wirklichkeit :-) Die haben dann nämlich doch nicht auf uns gewartet. War uns aber egal, denn jeder Plan hat einen Notfallplan und ich hatte Antje und die kam auf die kluge Idee, dass wir unsere chinesischen Kleider einfach zur asiatischen Änderungsschneiderei bringen, die unten in der U-Bahn Station Alexanderplatz ist. Gesagt getan. Eine kleine U-Bahnfahrt später überreichten wir die beiden Kleider einer begeisterten Schneiderin, die von der Farbe hin und weg war. Also rein in die Kleider, ran an die Nadeln, eine Runde 38-2 rechnen! Und dann wurde mir auch klar, was Antje meinte, als sie sagte es wäre dort ein bisschen öffentlich: Das kleine Geschäft ist voll verglast. Es befindet sich in dem Übergangsbereich von S zu U-Bahn und es herrscht reger Publikumsverkehr. Als ich also dran war und meine Antje die gleichen Telefonate wie ich auf der Arbeit führte, bloß in englisch und bloß an einem Samstag, stand ich also da..162 cm vollendete Eleganz in einem wassermelonefarbenen Kleid. Stück für Stück sah ich weniger wie ein Tetrapack Melonensaft aus, sondern eher wie eine echte Brautjunger. So werde ich meine Böse-Geister-Von-der-Braut-Ablenken Pflicht also wirklich durchführen können. Schienen auch während der 20 Minuten des Absteckens auch ca. 50 U-Bahn/S-Bahnfahrer zu denken. Alle starrten mich an, winkten einmal, winkten zweimal, gingen nochmal zurück für zwei extra Blicke... und gingen dann weiter..bis die nächste U-Bahn Menschen brachte, die zur S-Bahn wollten und dabei das seltenen Naturschauspiel sahen, wie ein müdes Mädchen zu einer aufgeregten und pflichtbewussten Brautjunger wird.   

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