Sonntag, 21. Februar 2016

18- Wirbelwind

Mein nächstes Wort: Wirbelwind! Wieder einmal eine kleine Kopfnuss! Wann kommt endlich der Zettel auf dem McDonalds steht oder ein großes Bier im Playoff oder Schuhe kaufen? Naja. Niemand hat gesagt das Leben ist einfach und das Gleiche gilt wohl auch für diese, meine Expedition.

Als ich heute morgen aus der Tür bin und mir eine frische, windige Brise um die Mütze wehte war klar: Machbar. Einmal recht freundlich den Kopf in den Wind halten und fertig ist die Geschichte. Dabei vielleicht ein paar philosophische Gedanken über das Leben, vielleicht auf einer Brücke, um so richtig richtig viel oder zumindest genug Wind abzubekommen. Läuft bei mir!

Naja! Wollte ich mir das wirklich so einfach machen? Vielleicht doch nochmal googlen. Danach bereute ich es fast ein wenig: Wenn man Wirbelwind googlelt (ist das so richtig? ich denke mal alle wissen was gemeint ist), also wenn man Wirbelwind auf Google eingibt, dann kriegt man ca. unglaublich viele Kindergärten. Nichts wirklich anderes. Wie kann das sein, dass so ein tolles Wort von den kleinen Wänstern besetzt ist? Zumindest wollte ich die Wirbelwind= viele kleine, bestimmt nervige Kinder-auf-einem-Haufen-Google-Erkenntnis in den Tag mit einfließen lassen. Neeeeiin, ich habe nicht an Kindergärtenzäunen rumgelungert. Neiiinnn, ich hab auch keine Bonbons verteilt oder übrig gebliebenen Kindern zugewinkt. Ich war in der Schwimmhalle. Wo gibts sonst kleine, quakende, jedoch kontrollierte Kinderhorden.

Theoretisch voll die gute Idee, praktisch ein böser Trigger für die eigenen Abgründe. Ich möchte dazu sagen, dass ich öfter mal schwimmen gehe. Und ich die Kinder, die sonst da rumschwimmen, einfach ausblende. So wie zu Hause den Biomüll, obwohl er müffelt oder die Tatsache, dass die Butter nun wirklich alle ist und die Packung aus dem Kühlschrank könnte.
Heute war da nichts mit ausblenden, heute gehörte das zum Auftrag. Was ich jedoch nicht hab kommen sehen: Kindern beim Schwimmunterricht zu beobachten, ist das direkte Tor zur Hölle. Wie konnte ich vergessen wie schlimm das war? So eine fiese Mischung aus Versagen und Todesangst! Nicht nur, dass es alle mitbekommen, wenn man das mit dem Reinhüpfen, wieder auftauchen, über Wasser bleiben und vorwärts bewegen verkackt - neeeee, zusätzlich schwebt auch noch immer die latente Angst im Becken einfach mal abzusaufen. Adieu Weihnachtsgeschenke, Bye Bye Geburtstage... Ich konnte mich auf jeden Fall gut in die Situation versetzen in der sich die ca. 7-jährige Emily auf Bahn 1 befand.
Wenn dein Kopf mehr so genau in der Mitte zwischen über Wasser und unter Wasser ist und dein erbarmungsloser Schwimmlehrer, vergessen hat wie das mal war, dann ist das einfach Kacke! Und immer wieder und wieder dieser Satz. Zehen nach außen! Zehen nach außen! Ich hab das damals schon nicht verstanden. Die Zehen sind doch an den Füßen dran und haben eine Bewegungsradius von .. keine Ahnung.. wie sollen die denn überhaupt nach innen oder nach außen? Beine ok... aber die Zehen? Wer bitte kann seine Zehen um 180 Grad drehen? Bin ich ein Mutant weil ich das nicht kann? Ist Emily eine verschollene Verwandte, die aufgrund der gleichen Mutation vor der gleichen Ausweglosigkeit stehen muss? Jedes Mal wenn ich an Klein Emily und dem unnachgiebigen Schwimmtrainer vorbei schwamm, war ich total wirr mit meinen Zehen. Das ging dann soweit, dass ich ab Bahn Nr. 11 Krämpfe in den Zehen hatte - nicht wie üblich in den Waden. Oh man.. höchste Zeit zu merken, dass ich 31 bin, freiwillig an diesem Ort und meine Zehen, Beine, Arme mir gehören und nicht mehr gezwungen werden können, sich für eine Richtung zu entscheiden. Ich hab mich dann 40 Minuten einfach noch auf  das Wasser und schwimmen konzentriert und irgendwann passierte dann was immer am Schönsten ist: Alle Gedanken, die permanent zwischen Now is good | All is lost umherkreisen hielten an und ich war einfach nur noch im Jetzt. Beim Umziehen und Rausgehen immer noch. Und als ich dann durchs dunkle Marzahn Richtung Biesdorf lief - immer noch. Egal was war, egal was wird, egal was mit meinen Zehen immer sein wird... diese zehn Minuten nur im Jetzt bis nach Hause sind meine! Und auch wenn ich das Jetzt per Definition nirgendwo mit hinnehmen kann, die Vorstellung, dass diese Zufriedenheit immer noch herumwirbelt, weil der Wind ein paar Augenblicke davon mitgenommen hat und in Jemandes Jetzt trägt,beruhigt mich. Wer hätte gedacht, dass durchs dunkle, nieselige Marzahn zu spatzieren so viel Ruhe verursachen kann. Ich hab dann noch kurz an meine liebste Oma Inge gedacht, die oft gesagt hat: "Iss das du was wirst, wenn nicht hast du wenigstens was gegessen" und "Was ma ham, hammer! Was wir kriegen wissen ma nicht." und bin müde, zerzaust und glücklich auf meinen Füßen mit den verrückten Zehen nach Hause gewatschelt.


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